Mystik und Legenden in Wormbach

Ein Ort voller Rätsel und verborgener Wunder

Auf meinem letzten fotografischen Streifzug durch das Schmallenberger Sauerland hatte ich ein echtes Stück Fotogeschichte auf die Kamera geschraubt: das Ashai Super-Takumar 35mm f/2.0. Dieses Vintage-Objektiv zeichnet sich nicht nur durch seine mechanische Präzision aus, sondern weist auch eine chemische Besonderheit auf: Die Verwendung von schwach radioaktivem Thorium im Glas. Mit der Zeit verleiht dieses Material der Linse eine charakteristische gelbliche Tönung, die den Bildern einen unverwechselbaren, warmen Nostalgie-Look verleiht. Die Strahlung ist allerdings so minimal, dass man beim Fotografieren wahrscheinlich eine höhere Dosis durch das natürliche Sonnenlicht abbekommt – mein Geigerzähler bleibt jedenfalls tiefentspannt und ich leuchte nach dem Fotografieren auch nicht im Dunkeln. Aber genau dieses kleine „strahlende“ Extra macht das Takumar zur idealen Wahl für das entschleunigte Fotografieren, bei dem man sich bewusst Zeit für das Motiv nimmt. Mit dieser Kamera-Kombination im Gepäck führte mich mein Weg nach Wormbach, um dort die mystische und geheimnisvolle Stimmung der Kirche und des Kirchhofs einzufangen.

Der Kirchhof in Wormbach im Schmallenberger Sauerland ist weit mehr als eine reine Begräbnisstätte. Er zählt zu den insgesamt 42 Sauerländer Seelenorten – Orte, die eine ganz eigene Faszination ausüben. Direkt auf dem Kirchhofsgelände, unmittelbar neben der Kirche, steht ein beeindruckender Lebensbaum, dessen beachtlicher Stamm von seiner enormen Kraft und Beständigkeit zeugt. Er ist nicht nur ein Naturdenkmal, sondern ein lebendiges Symbol für ein Ereignis, das viele als Wunder bezeichnen.

Kraftvoll und tief verwurzelt – der Lebensbaum auf dem Wormbacher Kirchhof

Das Wunder des Lebensbaums

Der Lebensbaum erinnert an einen Vorfall am Ostersonntag 1945. Während eines Gottesdienstes wurde eine schwere Fliegerbombe direkt über der Kirche abgeworfen. Doch statt das Gebäude zu zerstören, traf die Bombe den Baum. Sein dichtes Geäst wirkte wie ein natürliches Schutzschild und bremste den Fall so stark ab, dass die Bombe in der weichen Erde landete, ohne zu explodieren.

Obwohl der Baum damals seine Spitze verlor, blieb er erhalten. Heute sind die Spuren der Vergangenheit zusammengewachsen: Die Krone teilte sich in drei Richtungen – für viele ein Sinnbild der Dreifaltigkeit. Durch dieses Ereignis blieben die Kirche und die Menschen im Inneren unversehrt.

Der Lebensbaum – ein stummer Zeuge der Geschichte

Wunder stehen nicht im Gegensatz zur Natur, sondern nur im Gegensatz zu dem, was wir über die Natur wissen.

–Augustinus von Hippo–

Ein Kirchhof mit besonderen Merkmalen

Das Erscheinungsbild des Kirchhofs ist einzigartig und folgt einer klaren Philosophie. Statt prunkvoller Grabsteine findet man hier schlichte Holzkreuze, die zeigen sollen, dass vor Gott alle Menschen gleich sind. Umgeben wird das Gelände von einem Ring alter Linden, an denen kleine Tafeln an die gefallenen Soldaten des Dorfes erinnern. Forscher vermuten aufgrund der besonderen Anordnung der Bäume sogar, dass dieser Ort schon lange vor dem Bau der Kirche eine wichtige Bedeutung für die Kelten und Germanen hatte, ähnlich wie das berühmte Stonehenge.

Schlichte Holzkreuze

Die Mystik im Inneren der Kirche

Wenn man die alte Pfarrkirche St. Peter und Paul betritt, ahnt man erst einmal nicht, welche Geheimnisse sich über den Köpfen verbergen. Erst bei einer Renovierung in den 50er Jahren kamen Malereien aus dem 13. Jahrhundert zum Vorschein, die bis heute für Staunen sorgen.

Besonders das Rätsel der Tierkreiszeichen an der Decke des Mittelschiffs fasziniert Besucher und Forscher gleichermaßen. Dass diese Symbole in einer christlichen Kirche prangen, ist extrem selten. Man vermutet, dass sie früher als eine Art verschlüsselter Kalender dienten, um kirchliche Feste wie das Osterdatum zu berechnen. Die kunstvollen Darstellungen der Sternbilder werden von geheimnisvollen Figuren sowie Sonne und Mond begleitet. Dieses astronomische Wissen stammte wohl von den Benediktinermönchen des nahegelegenen Klosters Grafschaft.

Neben diesen mystischen Deckenbildern beeindruckt der Raum durch barocke Pracht und stille Wächter der Geschichte. Über dem Altar thront Christus auf einem Regenbogen in einer Darstellung des Jüngsten Gerichts. Ein weiteres Highlight für Musikliebhaber ist die Orgel: Hier steht die älteste Pfeifenorgel Westfalens aus dem 15. Jahrhundert, deren historischer Klang den Raum noch heute mit einer ganz besonderen Aura erfüllt.

Wer diesen Ort besucht, kann am Eingang einen „Lauschpohl“ nutzen. Per Kurbel lassen sich dort die Geschichten über den Lebensbaum und die geheimnisvollen Zeichen anhören.

Ein Blick nach oben: Die faszinierenden Deckenmalereien von St. Peter und Paul

Lauschpol vor der Kirche

Historische Blicke über den Kirchhof

Wenn man den Blick vom Kirchhof aus über die Umgebung schweifen lässt, entdeckt man weitere geschichtsträchtige Details. Direkt gegenüber liegt ein markantes Bürgerhaus von 1844, das beispielhaft für die Architektur dieser Zeit steht.

Etwas versetzt, auf der anderen Seite des Kirchplatzes, befindet sich das eigentliche Pfarrhaus von Wormbach. Dieser massive Bau mit seinen historischen Fundamenten unterstreicht die einstige Bedeutung des Ortes als spirituelles Zentrum. Ganz in der Nähe des Pfarrhauses stößt man auf eine weitere Besonderheit: das „Pastors Strülleken“. Dabei handelt es sich um eine historische, eingefasste Quelle, die im Volksmund als „ewige Quelle“ gilt, da sie selbst in extrem trockenen Sommern stetig Wasser führt. Der Name leitet sich vom Sauerländer Platt für einen kleinen Wasserstrahl ab. Einer Legende nach soll bereits der Heilige Bonifatius im 8. Jahrhundert an dieser Quelle mit dem angeblichen Heilwasser Taufen vollzogen haben.

Blick zum alten Bürgerhaus

Altes Pfarrhaus aus dem 18. Jahrhundert

Pastors Strülleken

Ein Seelenort, der nachklingt

Genau das macht einen Seelenort aus: Es handelt sich um markante Kraftpunkte im Sauerland – besondere Plätze in der Natur oder historische Bauwerke, die eine ganz eigene Wirkung auf die Menschen haben, die hier leben. Diese Orte sind wie Ankerpunkte, die einen dazu bringen, den Alltag kurz zu vergessen und einfach mal durchzuatmen.

In Wormbach verbinden sich christliche Symbole mit einer Jahrhunderte alten Geschichte zu einem Ort, der einen wirklich zur Ruhe kommen lässt. Was diesen Platz so besonders macht, ist die Mischung aus tiefer Stille und den vielen kleinen Geschichten, die man hier an jeder Ecke entdecken kann. Hier geht es nicht um Inszenierung, sondern um einen echten Ort zum Krafttanken.

Für mich war der Ausflug mit dem alten Takumar-Objektiv eine tolle Gelegenheit, diese besondere Atmosphäre einzufangen. Dieser Ort verdeutlicht einmal mehr, dass es sich lohnt, genauer hinzuschauen – oft liegen die spannendsten Dinge direkt vor der eigenen Haustür.