G.A.S.-Alarm: Wenn das Altglas-Fieber zuschlägt

Ein Schrank voller kleiner Retro-Schätzchen

Eigentlich fing alles ganz harmlos an. Es ist mittlerweile fast drei Jahre her, dass ich auf Instagram Blümchen-Bilder entdeckte, die mir sofort auffielen. Das Bokeh war anders – nicht so glatt gebügelt, sondern malerisch und voller Charakter. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch nie etwas von Vintage-Objektiven oder der Altglas-Fotografie gehört, aber diese Bilder ließen mich nicht mehr los. Unter den Posts stand immer wieder dieser Hashtag: #pentacon50mm18.

Und ruckzuck war meine Neugier geweckt. Da der Name verdächtig nach einem Objektiv klang, fing ich an zu recherchieren. Schnell war klar: Das ist ein alter Klassiker aus vergangenen Tagen. Ich informierte mich über passende Adapter und wie ich diesen Oldtimer überhaupt an meine moderne Kamera andocke. Und tadaaa ♪ ♫ – kurz darauf hielt ich mein erstes eigenes Pentacon 50mm f/1.8 für ganz kleines Geld in den Händen!

Das Faszinierende daran: Diese Linsen sind ein wunderbarer Einstieg in eine ganz eigene, malerische Art der Fotografie. Doch kaum war der erste Funke übergesprungen, entdeckte ich die wirklich gefragten Schätze wie das Trioplan 100 – und meine Leidenschaft für dieses alte Glas war endgültig entfacht.

Tja, und ab da nahm das Schicksal seinen Lauf: Ich hatte mich mit G.A.S. infiziert – dem Gear Acquisition Syndrome (Ausrüstungs-Anschaffungs-Syndrom). Heute nenne ich meine Sammlung lieber mein ganz persönliches Stück Zeitgeschichte. ツ

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„Man kann Glück nicht kaufen, aber man kann Altglas kaufen – und das ist so ziemlich das Gleiche.“

G.A.S.* Enthusiastin
*(Gear Acquisition Syndrome – Die Leidenschaft für historisches Glas)

Charakterstücke

Ein Blick in meine Sammlung

  • Meyer-Optik Görlitz
    Trioplan 1:2.8 / 100
    Baujahr: ca. 1957
    Blende: 15 Lamellen
    Seriennr.: 1873668
    Bauart: Triplet (V)
    Besonderheit: „Soap Bubble Bokeh“
  • Asahi Opt. Co. Japan
    Super-Takumar 2.0 / 35mm
    Baujahr: ca. 1966-1971
    Seriennr.: 3768576
    Bauart: 8 Linsen / 7 Gruppen
    Besonderheit: 1. Version (8-Element)
    Highlight: Legendäre 8-Element-Rechnung & Weitwinkel-Präzision
  • Minolta MC Rokkor-PF
    1:1.4 / 58mm JAPAN
    Baujahr: ca. 1970
    Blende: 6 Lamellen
    Seriennr.: 5841127
    Bauart: 6 Linsen / 5 Gruppen
    Besonderheit: Enorme Lichtstärke & edles Bokeh
  • Meyer-Optik Görlitz
    Primoplan 1:1.9 / 58mm
    Baujahr: ca. 1952
    Blende: 14 Lamellen
    Seriennr.: 1225987
    Bauart: 5 Linsen / 4 Gruppen
    Besonderheit: Wirbelndes „Swirly Bokeh“ & enorme Lichtstärke
  • Carl Zeiss Jena DDR
    Pancolar 1.8 / 50mm
    Baujahr: ca. 1970 (Zebra-Ära)
    Blende: 6 Lamellen
    Seriennr.: 9094887
    Bauart: Hochleistungs-6-Linser
    Besonderheit: Legendäres „Zebra-Design“ & Top-Schärfe
  • Carl Zeiss Jena DDR
    MC Flektogon 2.4 / 35mm
    Baujahr: ca. 1975-1978
    Seriennr.: 9947327
    Typ: electric (mit Blendenkontakten)
    Besonderheit: Nahgrenze 0,20m
    Highlight: Das legendäre Weitwinkel-Wunder
  • Asahi Opt. Co. Japan
    Super-Takumar 1.4 / 50mm
    Baujahr: ca. 1967-1971
    Seriennr.: 2201225
    Bauart: 7 Linsen / 6 Gruppen
    Glas: Seltene Erden (Thorium)
    Highlight: Radioaktives Glas für extreme Schärfe
  • Industar-61 L/Z MC
    ИНДУСТАР 2.8 / 50mm
    Baujahr: 1993 (LZOS)
    Blende: 6 Lamellen (Sternform)
    Seriennr.: 9303727
    Glas: Lanthan-haltiges Glas
    Highlight: Einzigartiges „Sternchen-Bokeh“
  • HELIOS-44-2
    ГЕЛИОС 2 / 58mm
    Baujahr: 1975 (Valdai)
    Blende: 8 Lamellen (Preset)
    Seriennr.: 7548045
    Bauart: 6 Linsen (Biotar-Typ)
    Besonderheit: Ausgeprägtes „Swirly Bokeh“
  • Meyer-Optik Görlitz
    Primotar 3.5 / 135mm V
    Baujahr: ca. 1960-1964
    Seriennr.: 1856427
    Fassung: Schwarz (Late Edition)
    Besonderheit: Rote V-Vergütung
    Klassiker: Elegantes Tele-Objektiv mit Charakter
  • Carl Zeiss Jena
    Tessar 1:2.8 / 50mm
    Baujahr: ca. 1949
    Blende: 12 Lamellen
    Seriennr.: 3255252
    Bauart: 4 Linsen / 3 Gruppen
    Besonderheit: Das legendäre „Adlerauge“ (T-Vergütung)
  • Pentacon electric
    1.8 / 50mm MULTI COATING
    Baujahr: ca. 1975-1980
    Blende: 6 Lamellen
    Anschluss: M42 mit Goldkontakten
    Nahgrenze: Herausragende 33cm
    Besonderheit: Extrem kurze Naheinstellgrenze
  • Auto Rikenon
    1.4 / 55mm Tomioka Design
    Baujahr: ca. 1960er / 1970er
    Blende: 6 Lamellen
    Anschluss: M42 Mount
    Lichtstärke: Beeindruckende f/1.4
    Besonderheit: Legendärer „Tomioka-Glow“ bei Offenblende
  • Meyer-Optik Görlitz
    2.9 / 50mm Trioplan V
    Baujahr: ca. 1950er Jahre
    Blende: 12 Lamellen (fast kreisrund)
    Anschluss: Altix / M42
    Optik: Klassischer 3-Linser
    Besonderheit: Berühmt für das markante Seifenblasen-Bokeh
  • Meyer-Optik Görlitz
    2.8 / 50mm Domiplan (Zebra)
    Baujahr: ca. 1965-1970
    Design: Kultiges schwarz-silbernes „Zebra“
    Anschluss: M42 Mount
    Seriennummer: 7231785
    Besonderheit: Markanter Look und „Kringel-Bokeh“
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Und so sehen die Ergebnisse in der Praxis aus:


Kreativ fotografieren mit alten Schätzchen

Diese alten Objektive (Vintage Lenses) erzeugen eine ganz besondere Bildästhetik, die sich deutlich von der Perfektion moderner Optiken unterscheidet. Was technisch gesehen oft als Abbildungsfehler gilt, verleiht den Bildern hier erst ihren speziellen Charakter. Viele dieser Schätzchen sind bereits über 60 Jahre alt und lassen sich mit passenden Adaptern problemlos an heutige DSLR- und DSLM-Kameras anschließen.

Da es sich um rein analoge Objektive handelt, gibt es keinen Autofokus und keine elektronische Kommunikation mit der Kamera. Das manuelle Scharfstellen kann – besonders bei einer offenen Blende von f/1.4 – zur echten Herausforderung werden. Glücklicherweise bieten viele moderne Kameras heute wertvolle Hilfen wie das sogenannte „Focus Peaking“ an. Dabei werden die scharfen Kanten im Sucher farblich hervorgehoben, was das präzise Fokussieren erheblich erleichtert. Doch trotz dieser Technik liegt der wahre Reiz im Prozess selbst: Man fotografiert bewusster, nimmt sich mehr Zeit für die Bildgestaltung und experimentiert intensiver mit dem Licht.




„In der Beschränkung der Technik liegt oft die Freiheit der Gestaltung.“


Die Magie des Bokeh

Ein wesentlicher Grund für meine Begeisterung sind die wunderbaren Bokeh-Effekte. Der Begriff Bokeh ( ボケ ) kommt aus dem Japanischen und beschreibt die Qualität der Unschärfebereiche im Bild. Je nach Bauform der Blendenlamellen und Vergütung der Gläser entstehen ganz individuelle Looks, die moderne Objektive so nicht mehr produzieren:

  • Seifenblasen-Bokeh (Bubble Bokeh): Lichtkreise mit einem schimmernden Rand, wie sie mein Trioplan 100mm f/2.8 zaubert.
  • Swirly Bokeh: Ein wirbelnder Effekt, bei dem der Hintergrund eine spiralförmige Textur annimmt (typisch für das Helios 44-2).
  • Malerisches Bokeh: Weiche, verträumte Verläufe, die fast wie gemalt wirken.
Seifenblasen-Bokeh - aufgenommen im Trioplan 100

Klassisches Seifenblasen-Bokeh: Aufgenommen mit dem legendären Meyer-Optik Görlitz Trioplan 100mm f/2.8. Hier zeigt sich, warum dieses Objektiv trotz seines Alters ein absolutes Muss für Vintage-Liebhaber ist.

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Helios 44-2 Swirly Bokeh Effekt

Im Wirbel der Farben: Das Helios 44-2 zeigt hier sein berühmtes Swirly-Bokeh. Durch die spezielle optische Konstruktion scheint der Hintergrund kreisförmig um das Motiv zu rotieren – ein Effekt, den keine moderne Linse so charmant imitiert.

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Malerisches Bokeh - aufgenommen mit Rikenon 55mm

Ein Moment wie gemalt: Das Auto Rikenon 55mm f/1.4 hüllt den Schmetterling in ein traumhaft weiches, malerisches Bokeh. Die enorme Lichtstärke lässt den Hintergrund in sanften Pinselstrichen verschwimmen und rückt das Motiv ins Zentrum der Stille.

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Pro-Tipp: Den Effekt erzwingen

„Jedes Altglas besitzt eine eigene Persönlichkeit. Um das Maximum aus der Optik herauszuholen, gilt folgende Faustregel:“


  • Lichtquellen: Punktförmige Lichtreflexe im Hintergrund (Tautropfen, Sonne im Laub) verstärken das Bokeh.

  • Abstände: Eine geringe Distanz zum Motiv bei gleichzeitig großem Abstand zum Hintergrund maximiert die Freistellung.

  • Blende: In den meisten Fällen entfaltet sich der volle Charakter der Unschärfe erst bei kompletter **Offenblende**.
ALTGLAS-FOTOGRAFIE: CHARAKTER STATT PERFEKTION

Von der Technik zur Leidenschaft

Mancher mag sich fragen, warum man ein uraltes Objektiv, das mühsam von Hand eingestellt werden muss, an eine hochmoderne Kamera schraubt. Für mich ist die Antwort klar: Diese Optiken machen die Fotografie abwechslungsreicher und emotionaler. Es ist völlig in Ordnung, wenn ein Motiv einmal nicht knackscharf ist – solange die Stimmung passt.

Inzwischen haben sich in der Vitrine so einige dieser besonderen Schätze mit ganz unterschiedlichen Charakteren angesammelt. Jede Linse erzählt ihre eigene Geschichte und bringt ihre ganz individuellen Eigenheiten mit. Sogar eine voll funktionstüchtige Praktica Nova von 1966 gehört mittlerweile zu dieser Sammlung und kommt regelmäßig an die frische Luft, um den Charme der analogen Fotografie ganz unmittelbar zu erleben.

Pentacon adaptiert an Canon Systemkamera

Alt trifft Neu: Das Pentacon 50mm f/1.8 funktioniert perfekt an meiner Canon Systemkamera. Möglich wird das durch zwei Adapter: Zuerst von M42 auf EF und dann weiter auf das RF-Bajonett. Ein technisches Abenteuer, das beweist, dass gute Linsen nie auslaufen.

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Schneeglöckchen - aufgenommen mit Pentacon 1.8/50

Vintage-Charakter an moderner Technik: Dieses Bild entstand mit dem doppelt adaptierten Pentacon 50mm f/1.8. Es beweist, dass alte DDR-Optiken auch heute noch durch ihre ganz eigene Bildsprache und Schärfe überzeugen.

Alle Technik der Welt kann die Unfähigkeit, etwas zu bemerken, nicht kompensieren.

— Elliott Erwitt —
Ein Leitsatz für die Arbeit mit Altglas: Der Charakter der Linse unterstützt nur das, was das Auge bereits entdeckt hat.

Fotoprojekte im Vintage-Look

Oft ziehe ich gezielt mit einer Auswahl meiner Vintage-Linsen los, um ganze Bildserien aufzunehmen. So entstanden in den letzten Jahren stimmungsvolle Aufnahmen bei diffusem Licht auf dem Kahlen Asten, ländliche Impressionen im Hof Rüsselsbachtal oder nostalgische Momentaufnahmen rund um das Café Zeit am Rad. Besonders in Schwarz-Weiß konvertiert, fangen diese Bilder die Ästhetik der ‚guten alten Zeit‘ perfekt ein.

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